MohnblütenVesna Ivkovic

Sterne im Kino - Filmtagebuch

Wie am Himmel so gibt es auch im Kino hell strahlende und weniger leuchtende Sterne, mancher Film stürzt auch als längst verloschener Gesteinsbrocken ab.
Um Einblick in meine subjektiven und ganz unakademischen  Überlegungen zu auf die eine oder andere Art interessanten Filmen zu geben, mache ich hier Teile meines Filmtagebuchs online zugänglich. Die Texte bieten in mehr oder weniger fragmentarischen Betrachtungen meine spontanen Reaktionen und ersten Eindrücke zu aktuellen Kinofilmen oder auch mal zu neu entdeckten älteren Filmperlen.


5.4.13
Schuld ist immer die Mutter… Oder was sonst?
We Need to Talk About Kevin (Lynne Ramsay, 2011)

Dies ist ein für manche sicherlich sehr verstörender Film, zeigt er doch ein Mutter-Sohn-Verhältnis, das von Anbeginn an mit Widerständen und Ressentiments belastet ist und in dem zunehmende Distanz, Kälte und offene Feindseligkeit schließlich in einer von Hass erfüllten Katastrophe gipfeln…

Tilda Swinton ist hier mal wieder absolut großartig: als gebrochene Frau mit schrecklichen Schuldgefühlen und auch als wenig mütterliche, vor allem nüchtern-kühle und doch beunruhigte Mutter, die sich den Manipulations- und Vereinnahmungsbedürfnissen ihres schwierigen Sohnes zu entziehen versucht.
In dieser Mutter-Sohn-Konfrontation treffen überdeutlich Skorpion- und Wassermann-Energien aufeinander: Auf der einen Seite steht ein zunächst kleiner Junge, Kevin, der die symbiotische Beziehung zur Mutter zu Beginn vermutlich vermisst und dann die Macht, die ein aus mütterlich-symbiotischem Instinkt geliebtes Kind über seine Mutter hat, mittels Manipulation und sogar Erpressung zu erringen sucht. Auf der anderen Seite finden wir eine Mutter, die der Vereinnahmung durch ihr Kind und durch die Mutterrolle Nüchternheit, emotionale Distanz und rationalen Diskurs auf Augenhöhe entgegensetzt. Beiden ist ein starker Wille eigen und so geraten sie zunächst ganz subtil in einen zunehmend eskalierenden Machtkampf, den der Junge schließlich voller Hass auf die Spitze treibt.

Auch wenn die Bilder, die Lynne Ramsay zur Verdeutlichung der Vorgänge findet, manchmal etwas plakativ sind – sie sind durchdacht und haben besonders zu Beginn sogar Humor, wie beispielsweise die Aufschrift auf einer Einfahrt an der Eva, völlig entnervt und verzweifelt ihr unaufhörlich schreiendes Baby vorbeischiebt: „No Parking 24/7“.
Der Film ist insgesamt gut konstruiert, wenn sich auch die komplexe Struktur erst beim zweiten Ansehen vollständig erschließt. Die Rückblenden, die uns sukzessive die Hintergründe von Evas psychischer Situation verstehen lassen, werden sehr assoziativ stimmig eingeleitet: ein Plakat mit der Aufschrift „…is for lovers“ weckt in Eva die Erinnerung an die Liebe, die sie mit ihrem Mann, Franklin, verband und wie sie sich noch direkt vor der Katastrophe bemühte zu verhindern, dass diese Liebe den Unstimmigkeiten über Kevin zum Opfer fiele. Regentropfen auf der Windschutzscheibe erinnern an die ängstliche Fahrt zum Tatort, der anschließende Regenguss lässt Bilder aufsteigen von einem früheren, glücklichen Regenspaziergang mit Franklin, der schließlich mit Kevins Zeugung endete.
Der Lärm, den Eva macht, als sie die von Farbbomben herrührende rote Farbe von ihrer Hauswand abschleift, leitet über zum Baby-Geschrei Kevins und wir sehen Evas wenig geschickte Bemühungen, das Kind zu beruhigen und ihre verzweifelten und doch fruchtlosen Versuche einen Moment Ruhe davor zu finden – neben dem Getöse eines Presslufthammers.
Als Eva Kevin im Gefängnis besucht, weckt die dortige körperliche Durchsuchung Erinnerungen an die Exposition ihres Körpers bei der Schwangerschaftsgymnastik. Das Geschrei und der Widerstand eines Häftlings gegen zwei Wärter erinnern an ihr eigenes Geschrei und ihren eigenen Widerstand gegen die Überwältigung ihres Körpers durch Kevins Geburt.
In der Halloween-Szene erlebt sie in der Verstörung, die von der Aggressivität der an ihre Tür hämmernden Kinder ausgelöst wird, Kevins aggressive Ausbrüche wieder, bei denen er Dinge an die Wand warf – worauf sie sich mit massiver Ablehnung rächte: „Mommy was happy bevor widdle Kevin came along, now Mommy wakes up every morning and wishes she was in France.“(1) Wohlwollend könnte man diesen Satz auch als Ironie (sogar als Selbstironie) interpretieren – Eva ist nicht bewusst, dass Kinder Ironie nicht verstehen können, so fremd ist ihr der kindliche Geist.

Sehr interessant ist schließlich auch noch das Schild oder Plakat an der Tür zur Turnhalle, durch die Kevin tritt um sein Massaker vorzubereiten:
„Pride – A feeling which makes you want to do your best all the time in everything you do. Focus – Concentration of the mind such that nothing distracts you from your task.” Meinem Empfinden nach bezieht sich “Pride” auf Eva und “Focus” auf den Bogenschützen Kevin, der sich in diesem Moment auf “seine Aufgabe“ vorbereitet. Doch ebenso gut lässt sich „Pride“ auch auf Kevin beziehen und Eva könnte man vielleicht vorhalten ihr Mutter-sein zu wenig im „Focus“ gehabt zu haben…

Auffällig und bemerkenswert finde ich, dass sich in Tilda Swintons Geburtshoroskop Ceres in Wassermann befindet. Diese Konstellation beschreibt sehr präzise die Figur der Eva Khatchadourian – eine Mutter, deren Gaben an ihr Kind eher intellektueller Natur sind, die keine Symbiose ertragen und kein Abhängigkeitsverhältnis akzeptieren kann, sondern Freiheit und Freundschaftlichkeit anbietet, bemüht darum Augenhöhe herzustellen.

(1) "“Mami war glücklich bevor der vollgepinkelte Kevin da war, jetzt wacht Mami jeden Morgen auf und wünscht sich sie wäre in Frankreich.“


1.4.13
Wenn Ängste überschießen…
Die Jagd (Thomas Vinterberg, 2012)

Thomas Vinterberg hat vor Jahren mit „Das Fest“ der Dogma-Bewegung zu Berühmtheit verholfen und einen ausgezeichneten und aufwühlenden Film abgeliefert.
Aufwühlend ist auch sein neuestes Werk geworden: „Die Jagd“ erzählt davon, wie eine aus kindlicher Verletztheit geborene gemeine Bemerkung Leben zerstören und die Wut eines ganzen Dorfes wecken kann.

Lucas ist ein geschiedener Mann, der im örtlichen Kindergarten arbeitet, weil die Schule an der er früher Lehrer war geschlossen wurde. Er ist der einzige männliche Erzieher und sehr beliebt bei den Kindern, mit denen er stets gerne herumtollt.
Klara ist die kleine Tochter seines besten Freundes Theo. Das Mädchen ist verträumt und in sich gekehrt. Sie findet Gefallen daran, dass Lucas ihre kleinen kindlichen Spinnereien (nicht auf Fugen treten dürfen u.ä.) ernst nimmt und sie einige Male zum Kindergarten oder nachhause begleitet. Ihre plötzliche Begeisterung für Lucas geht so weit, dass dieser sie bremst, als sie ihm einmal im Kindergarten einen Kuss gibt und ein Geschenk für ihn bastelt. Die empfundene Zurückweisung macht Klara wütend und sie verknüpft verschiedene Informationen zu einigen beunruhigenden Sätzen gegenüber der Leiterin des Kindergartens.
So kommt die Maschinerie in Gang, durch die Lucas sich in kürzester Zeit mit dem Vorwurf sexuellen Kindesmissbrauchs konfrontiert sieht.

Mit erstaunlichem Fatalismus wurde in verschiedenen Kritiken zu Vinterbergs neuem Film die unausweichliche Dynamik der Handlung betont, an einer Stelle hieß es gar, man könne keiner der Figuren ihr letztlich ungerechtes Verhalten vorwerfen, keiner würde sich wirklich „falsch“ verhalten…
Das sehe ich ganz anders. „Die Jagd“ führt sehr deutlich vor, worin sich die vermeintlich um Kindeswohl besorgten Beteiligten falsch verhalten: die Schar pädagogisch und psychologisch geschulten Personals reagiert auf die alarmierenden Bemerkungen eines kleinen Mädchens mit Hysterie statt mit Sachverstand, Sie manipulieren das Kind mit den eigenen Vorurteilen und Ängsten, legen ihm Aussagen in den Mund und „belohnen“ es, wenn es die eigenen Negativerwartungen erfüllt.
Die Mutter ist in ihrer Übergluckenhaftigkeit nicht mehr bereit das Mädchen ernst zu nehmen, als die Kleine von selbst äußert, etwas „Dummes gesagt“ zu haben, sondern versichert ihr: „es ist passiert“ – ohne dieses ominöse „es“ überhaupt genau erfragt und erfahren zu haben.
Der Vater kann schon gar nicht mit seiner kleinen Tochter über das angeblich Geschehene sprechen, denn wie es im gesamten Film aussieht, sind in dieser noch recht traditionellen dörflichen Gesellschaft die Frauen im Besitz der Definitionshoheit und auch der Macht über Sexuelles. Die Männer halten sich an Alkohol, Jagdthemen und Mannbarkeitsriten. Überall zeigt sich die vollständige Kommunikationsunfähigkeit, die tatsächlich allen Protagonisten vorzuhalten ist.

Beim Thema „Kindesmissbrauch“ kommt Frauen wie Männern jegliche Rationalität abhanden, nüchterner Sachverstand und sachliche Klärung der Dinge werden zur Unmöglichkeit – das ist das erschreckende Fazit, das dieser Film zieht.



[...]



24.3.11
Wer ist die Schönste (Familie) im Land?
Little Miss Sunshine (Jonathan Dayton, Valerie Faris, 2006)

Eine in mancherlei Hinsicht scheinbar “dysfunktionale” Familie macht sich auf den Weg, den Traum des jüngsten Familienmitglieds zu verwirklichen: die kleine Olive darf an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen. Da müssen alle anderen Probleme – und davon sind die finanziellen noch die geringsten – zurückgestellt werden.
Die gestresste Mama holt ihren suizidalen Bruder nachhause, der unter Beobachtung bleiben muss, weil er von seinem Lover verlassen wurde, seine Karriere in den Sand gesetzt hat und insgesamt mit seinem Leben an einem Endpunkt angelangt zu sein scheint.
Der Vater geht allen mit seiner penetranten Gewinner-Philosophie auf die Nerven, die er als Zwölf-Punkte-Programm zu vermarkten versucht und damit immer nur auf die Nase fällt.
Der Großvater ist vom Geschwätz seines Sohnes unendlich genervt, flüchtet in seine Porno-Welt und schwelgt in Erinnerungen an verflossene Affären.
Der Teenager-Sohn steckt in einer nihilistischen Krise, ist voller pubertärer Wut auf die Welt, spricht nicht mehr und kommuniziert nur noch das Allernötigste mittels widerstrebend geschriebener Zettelchen.
Mittendrin in diesem Haufen gestresster und belasteter Familienmitglieder und zweifelhaft funktionierender Beziehungen ist die kleine Olive dennoch ein Sonnenschein auf der Suche nach Anerkennung und Verbindung…
Wie sich alle letztlich doch näher kommen und sich manches Problem dann verkraften lässt, davon erzählt die Reise, die gemeinsam unternommen wird, um Olive zu ihrem Schönheitswettbewerb zu bringen.
Das Schönste an der Geschichte sind die diversen Seitenhiebe gegen die Glaubenssätze des amerikanischen Traums und die Entlarvung der heuchlerischen Moral hinter den Schönheitswettbewerben für kleine Mädchen… Da gibt es dann mit Olive auch noch eine Überraschung zu erleben…


28.2.11
Serbische Zukunftsvisionen
Technotise (Aleksa Gajic, 2009)

Ein animierter Science-Fiction Thriller aus Serbien – und zwar ein wirklich guter! Spannend und temporeich, mit liebevoll gezeichnetem Setting in einem zwar futuristisch erweiterten, dennoch wiedererkennbaren Belgrad wird hier die Geschichte vom Suchen und Finden der Weltformel erzählt. Die hat ein autistischer Mathematiker gefunden, der nun von Edit, einer hübschen Psychologiestudentin zum Reden gebracht werden soll, weil man zwar die Formel nun hat, aber nicht weiß, wie sie funktioniert.
Um ihr Examen zu bestehen lässt sich Edit einen Gedächtnischip implantieren, doch nachdem sie die Formel gesehen hat, bekommt dieser Chip in ihr ein Eigenleben...
Besonders schön an dem Film sind die kleinen Seitenhiebe auf die Eigentümlichkeiten und Klischees serbischer Gesellschaft und Kultur. Figuren wie die keifende Mutter oder der über die Verhältnisse klagende Bauer sind einfach wunderbar getroffen und wie der allgegenwärtige Machismo und die alltäglichen Korruptionsmechanismen ganz wie aus dem Leben gegriffen...


26.2.11
"She's a high ridin' woman with a whip..."
Forty Guns (Samuel Fuller, 1957)

Dieser Film ist für mich eine echte Entdeckung: die Darstellung einer knallharten Rancherin, die ihre 40 gefährlichen Cowboys beherrscht und der freudianisch sexualisierte Subtext um die Dominanzverhältnisse in den Geschlechterbeziehungen sind ein echtes Vergnügen! Man bedenke: 1957 dominierten ansonsten patente, asexuelle Doris-Day-Gestalten und "niedliche" Sexbomben wie Marilyn das offiziell favorisierte Frauenbild!
Nicht nur bietet dieser außergewöhnliche Spätwestern gleich zwei für das Kino der fünfziger Jahre provozierend selbständige bzw. “unweibliche” Frauenfiguren. Er setzt sich insgesamt mit den Konzepten traditioneller Geschlechterrollen auseinander und ebenso mit dem Mythos des den Westen erobernden, Gesetzlosigkeit bekämpfenden Revolverhelden. Dabei dringt er tief ein in die archaischen Muster sexueller Attraktion. Große Gefühle – Liebe, Hass, Schuld, Vergebung – finden in diesem gerade für heutige Verhältnisse sehr kurzen (77min!) Film bemerkenswert dichten und präzisen Ausdruck, in visueller Form ebenso wie in Dialog und Geschichte.
Und es ist einer der Filme, die eine Variation des Achilles und Penthesilea-Mythos erzählen – allerdings mit Happy End: Die starke, unabhängige Frau, der kein Mann gewachsen ist und die es gewohnt ist zu herrschen, begegnet einem berühmten Helden, der sich ihr nicht unterwirft und gerade deswegen interessant für sie wird – ein Mann, der stark genug ist, es ihr zu ermöglichen “Frau” zu sein.

Jessica Drummond ist eine Steinbock-Venus – hart gegen sich und andere, dominant und streng hat sie ihre Prinzipien (zum Beispiel: “If you can't handle a horse without spurs, you have no business riding.” – eine Aussage, die sich mit Leichtigkeit auch auf Geschlechterbeziehungen beziehen lässt…).
Griff Bonnell hat etwas sehr stoisches und er ist als Revolverheld eine Art anachronistisches Relikt, das könnte ihn zu einem Stier-Mars machen – mehr aber noch entspricht er einem Steinbock-Mars, denn auch er folgt Prinzipien statt Gefühlen, zeigt Härte und das Steinbock-typische Einzelgängertum neben der natürlichen Autorität...
Es passt gut, beiden dasselbe Zeichen zuzuordnen, denn das ist es was sie verbindet: sie sind sich außerordentlich ähnlich und erkennen im Anderen nicht nur den Menschen, der ihnen gewachsen ist, sondern auch den Seelenverwandten, der die Einsamkeit der besonderen Stärke und Größe teilt!

Diese Idee der Seelenverwandtschaft macht den Kern der Mythen um Achilles und Penthesilea oder Siegfried und Brunhilde aus – die Begegnung des Starken mit dem Starken, eine Begegnung unter Gleichen. Hier finden ein Mann und eine Frau jenseits der geschlechterrollentypischen Ungleichheit auf gleicher Ebene zusammen und erkennen die menschliche Ganzheit in sich selbst wie auch im Anderen… Leider trifft das auf “Forty Guns” nicht vollständig zu: am Ende wird die Veränderung der Frau in Richtung Unterwerfung unter das weibliche Rollenstereotyp – und damit eine Wiederherstellung gesellschaftlich geforderter Ungleichheit – zu sehr betont. Vermutlich war dieses Zugeständnis an die Studio-Moral der fünfziger Jahre damals nicht zu vermeiden...

Hier nun aber noch ein hübsch anzüglicher Dialog zwischen der autoritären Lady und dem unbeugsamen Helden:

Jessica Drummond: I'm not interested in *you*, Mr. Bonnell. It's your trademark. [gestures at his gun, purring] May I feel it?
Griff Bonnell: Uh-uh.
Jessica Drummond: Just curious.
Griff Bonnell: It might go off in your face.
Jessica Drummond: I'll take a chance.



23.2.11
Heldenreise in die Unterwelt
Heartless (Philip Ridley, 2009)

"Heartless" ist ein starker Film, der mit verschiedenen Ebenen und Perspektiven spielt – dicht, außergewöhnlich und sehr interessant:
Ein junger Mann, der wegen eines (herzförmigen) Feuermals im Gesicht mit Kontaktschwierigkeiten und großen Unsicherheiten zu kämpfen hat, lässt sich auf einen seltsamen Pakt ein, während eine dämonische Straßengang den Londoner Osten mit Gewalt überzieht...
Der Außenseiter beobachtet seltsame Gestalten in seiner Wohngegend. Gleichzeitig kommt es zu Katastrophen in seiner Familie: Der Teenager-Sohn seines älteren Bruders gerät in Schwierigkeiten mit einer Gang. Seine Mutter kommt bei einem brutalen Überfall ums Leben. Plötzlich geschehen seltsame Dinge im Leben des Helden. Er wird zu einem Mann gerufen, der Papa B genannt wird und mit ihm einen faustischen Pakt schließt, der zwar dazu führt, dass Jaimes Feuermal von seinem Gesicht verschwindet, ihn aber auch vor die Aufgabe stellt einen Menschen zu töten... Ein kleines indisches Mädchen hilft ihm dabei, seine „Aufgabe“ zu bewältigen...

Der Film hat eine ganze Reihe ausgesprochen interessanter Szenen und Figuren, beispielsweise die Begegnung mit dem Weapons Man. Er erinnert zudem in manchen Punkten an Filme wie „Matrix“ oder „Donnie Darko“ und rekurriert auf etliche mythologische bzw. Märchen-Motive – zum Beispiel sind Papa B und Belle als die Schöne und das Biest erkennbar...
All das ist in sehr reiche Bilder gebannt, sehr durchdacht und mit viel Liebe zum Detail (und sehr schwarzem Humor!) inszeniert. Ein Film, der im Gedächtnis bleibt und mit dem man auch nach dem Schlussbild noch ein wenig beschäftigt ist...


18.1.11
Der Geist schwach, das Fleisch willig – Eine Altherrenphantasie
Meat (Victor Nieuwenhujis, Maartje Seyferth, 2010)

Die meisten älteren Herren können nur von dem träumen, was in diesem Film Realität sein soll – eine Fülle wohlbekannter Altherrenphantasien begegnen uns gleich zu Beginn: ein hässlicher und fetter alter Bock vögelt eine hübsche Blondine nach der anderen, eine davon könnte wohl nicht nur seine Tochter sondern auch schon seine Enkelin sein...
Eine weitere attraktive Frau rennt einem ebenso hässlichen, schwierigen und ihr gegenüber nicht nur völlig gleichgültigen, sondern sogar emotional sadistischen alten Kerl hinterher und wirft sich ihm ganz buchstäblich vor die Füße. Aus dem zweiten Stock. Er geht – unberührt – weiter.
Keiner der Männer ist etwa besonders reich oder berühmt. Einer ist Metzger und sein Beruf dient eigentlich nur dazu, den Titel des Films mit Bildern zu rechtfertigen, die gern verstören und mit tiefsinniger Metaphorik über das (behauptete) Wesen des Fleisches beunruhigen würden, dabei aber nur Widerwillen und ein permanentes Gefühl latenten Abscheus erzeugen.

Darüber hinaus ist „Meat“ ein Film, dessen Dialoge zwischen tödlich langweilig und banal sowie prätentiös bedeutungsschwanger changieren – stets voller Bemühen um die Vermeidung einer nachvollziehbaren Geschichte. Mancher möchte das kunstvoll finden, ich nenne es leer.

„Meat“ ist abstoßend um abstoßend zu sein, verwirrend um verwirrend zu sein, nicht um damit etwas zu erzählen. Außerdem zäh und ohne jeden Spannungsaufbau. Ein entsetzlich prätentiöses Machwerk um das armselige Geficke hässlich in Szene gesetzter Schwabbelbäuche...
Leider fehlt dem Film überdies auch noch jeglicher Humor – dabei lässt sich Ekel immer besser vertragen, wenn es auch mal `was zu lachen gibt...

Regisseur und Drehbuchautorin erklärten nach der Vorstellung, der Film sei ohne klares Konzept entstanden. So sieht das Ergebnis tatsächlich auch aus. Auf die Frage, warum man ihren Film sehen sollte bzw. was man daran mögen könnte, drucksen beide erst etwas herum und zitieren dann die Preisbegründung einer Petersburger Jury, die so ungefähr lautete, der Film betrachte die „Schizophrenie der modernen Gesellschaft“… Nun ja.

Vor der Vorführung hatte die Drehbuchautorin bereits die großen Themen genannt, zu denen sie mit „Meat“ ihren Beitrag leisten wollte: Sexualität,  weil diese unser Leben bestimme und unsere Entscheidungen beeinflusse, und Fleisch, weil aus diesem wir alle doch gemacht seien...
Mit solcherlei Allgemeinplätzen beschreibt so mancher ja auch Filme von Cronenberg, Lynch, Greenaway oder auch anderen bemerkenswerten Bilderkomponisten des Grotesken und Bizarren – und verkennt dabei, dass diese stets eine originäre Vision in einen Film verwandelten.
Mit „Meat“ versuchen die Macher etwas nachzuahmen, was sie nicht einmal verstanden zu haben scheinen...
Hätten sie sich weniger darauf beschränkt mit den über die Maßen ausführlichen und repetitiven Bildern von Fleisch in Verbindung mit den unangenehmen Fickszenen Verstörung hervorrufen zu wollen und ein wenig mehr Sorgfalt auf eine zu erzählende Story verwendet, hätte „Meat“ vielleicht ein einigermaßen brauchbarer Thriller werden können.
So wie er ist, bleibt dieser Film eine überflüssige Zumutung fürs ästhetische Empfinden und reine Zeitverschwendung.


8.11.10
Die vielen Gesichter der Liebe
This is Love (Matthias Glasner, 2009)

Ein herausragender deutscher Film um die mitunter sehr seltsamen, manchmal unkenntlichen Gesichter, die Liebe annehmen kann und über die Zerstörungen wie auch die Heilung, die manchmal aus diesen Gesichtern spricht...
Ein junger Polizist zerstört aus eifersüchtiger Liebe eine Ehe...
Eine Kommissarin (Corinna Harfouch ist in der Rolle beeindruckend) ertränkt seit Jahren ihre Hilflosigkeit über das Verschwinden ihres Ehemannes in Alkohol...
Ein junger Mann mit Vater- und Wohlstandsproblematik rettet mit einem Kumpel in Thailand ein kleines Mädchen aus der Prostitution um sie in die illegale Adoption zu verkaufen und gerät in Schwierigkeiten...
Sehr mutig ist es, dass der Film das Wagnis eingeht, die sich entwickelnde Beziehung zwischen dem Mädchen und ihrem hilflosen Retter als Liebe darzustellen...


3.11.10
Rentner sehen Rot...
RED (Robert Schwentke, 2010)

Diese Actionkomödie um ein paar pensionierte CIA-Agenten, die noch mal richtig aufdrehen, weil ihnen böse Buben am verbliebenen Rest ihres Lebens herumkürzen wollen, macht einfach großen Spaß!

Bruce Willis dabei zuzusehen, wie er – cool wie immer und doch auch altersmilde und romantisch – eine deutlich jüngere Rentenversicherungsangestellte erst am Telefon umgarnt, um sie anschließend wegen besagter böser Buben ins Abenteuer ihres Lebens zu entführen, bei dem ihr die Kugeln nur so um die Ohren pfeifen, ist einfach köstlich. Die Romanze bietet all das, wovon die von ihrem betulichen Leben so gelangweilte junge Frau beim Lesen trivialer Abenteuerliebesromane träumt – sofern sie davon absieht, dass die Gefahr für Leib und Leben recht real erscheint und der Mann ihrer Träume eigentlich Haare auf dem Kopf haben sollte... Dafür liest der kämpferische Glatzkopf dieselben Groschenromane – und weiß, wovon sie wirklich träumt. Was will Frau mehr!

Doch auch der Rest der Truppe ist schlicht wunderbar:
Morgan Freeman glänzt mal wieder mit ehrwürdiger Haltung und echter Altersweisheit. John Malkovich gibt den paranoiden Querkopf (etwa so durchgeknallt wie in „Burn After Reading“), der sich als gar nicht so paranoid herausstellt und mit seinen pointierten Gemeinheiten für allerlei Lacher sorgt. Helen Mirren ist ganz die britische Lady, die nur das Töten einfach nicht lassen kann und mit derselben Selbstverständlichkeit Feuerwaffen anwendet mit der sie Blumen arrangiert. Und auch sie ist Teil einer abenteuerlichen Romanze, musste sie doch vor Jahren einen russischen Agenten töten, in den sie verliebt war... Ivan (Brian Cox) überlebte jedoch ihren Anschlag und entdeckte sogar einen Liebesbeweis darin...

Alle scheinen sie größtes Vergnügen bei der Gestaltung ihrer Figuren und ihrem Spiel miteinander gehabt zu haben und dieses Vergnügen bereitete mir der Film beim gestrigen Kinobesuch in höchstem Maße auch: mein Dauergrinsen unterbrach ich nur, um immer mal wieder über einen besonders gelungenen Oneliner lauthals zu lachen...

(Die eigentliche Story? Irgendetwas völlig Unwichtiges um einen US-Vizepräsidenten und einen Industriemagnaten, die Jahre zuvor mit einem Massaker in Guatemala zu tun hatten...)

 

12.10.10
Ein Mädchen namens Lilith
Case 39 (Christian Alvart, 2009)

Vor ein paar Jahren hat Christian Alvart mit „Antikörper“ einen recht drastischen, vor allem aber ungewohnt guten deutschen Killer-Thriller hingelegt – und gezeigt, dass er es versteht, menschliche Abgründe spannend und unheimlich zu inszenieren.
Vor kurzem hat er nun in den USA „Case 39“ gedreht. Und abermals ist es ihm ausgezeichnet gelungen, den Sog des „Bösen“ und – nicht minder – der Angst davor in einer knallharten Story um ein ungewöhnliches kleines Mädchen und eine Sozialarbeiterin mit Helfer-Syndrom (und eigenem Kindheitstrauma) umzusetzen.

Renée Zellweger legt sich als Sozialarbeiterin Emily schwer ins Zeug, um Lily/Lilith (dass das Mädchen von ihren überaus christlichen Eltern ausgerechnet diesen im Christentum wenig beliebten Namen bekommen hat ist eine der Merkwürdigkeiten des Films) dem gewalttätigen und mutmaßlich missbrauchenden Zugriff ihrer Eltern zu entreißen. Nach einer mutigen Szene, die allen zarter besaiteten Kinderfreunden ganz schön zusetzen dürfte, wird Lily aus ihrem Elternhaus entfernt und auf eigenen Wunsch schließlich bei Emily untergebracht. Sehr bald kommt es in Emilys privatem und beruflichem Umfeld zu kleinen Unheimlichkeiten und auch zu so brutalen wie unerklärlichen Todesfällen...

Obwohl sich Alvart virtuos unzähliger Motive und Versatzstücke des Okkult-Thrillers bzw. des Horror-Genres bedient, vermeidet er es, die Story allzu sehr in die Ecke des Übernatürlichen zu manövrieren, sondern bietet auch psychologisch interessantere Lesarten an: Der Film lässt Fragen darüber aufkommen, welche Vorstellungen wir von Kindern haben und wie knapp unter unserer rationalen Oberfläche irrationale Ängste Macht ausüben.
Spannend und intelligent inszenierte, unheimliche Unterhaltung!

 

7.9.09
Mehr Krebs weniger Steinbock - zur Geburtsstunde bedrohlicher Emotionen und der Psychoanalyse
Das Kabinett des Dr. Caligari (Robert Wiene, 1920)

Die expressionistischen Settings und Bilder in diesem alten Film sind allemal beeindruckend, ein wenig schwer fällt es mir aber doch, mich auf die ungewohnte, eben historische Machart des Films einzulassen...
Die Geschichte jedoch ist mit ihren verschiedenen Erzählebenen und den „twists & turns“ zweifellos ihrer Zeit voraus gewesen und durchaus auch spannend, vor allem lässt sie mich auch nach dem ominösen Schluss noch weiterrätseln: Wie meint „Caligari“ den Patienten denn nun heilen zu können? Und ist dieser womöglich in der Anstalt, weil er selbst seinen Freund getötet hat (und dieser Teil also keineswegs nur ausgedacht ist)? Dergleichen Fragen gäbe es noch manche...

Angesichts der Entstehungszeit des Films und der damit einhergehenden Stellung Plutos (der erst 13 Jahre später entdeckt werden sollte) im Zeichen Krebs, ist es bemerkenswert, dass das erste Opfer (der Behördenbeamte) sterben muss, weil sich Caligari von ihm schlecht behandelt fühlte und ihm (schmollend?) grollte. Bereits hier fällt die betonte Bedeutung von subjektivem Gefühl, also Krebs, gegenüber der normierenden Gesetzmäßigkeiten folgenden Obrigkeit, also Steinbock, auf!
Und: Cesare, das „Mordinstrument“ ist ein Somnambuler, der 25 Jahre geschlafen haben soll - was natürlich eine wunderbare Krebs-Pluto Entsprechung darstellt (welche Einblicke eröffnet allein diese schlafende Figur für die zu jener Zeit neuentdeckten Möglichkeiten der Psychoanalyse!). Später wird er sogar einmal gefüttert wie ein Kind - auch hier wird also ein Krebs-Merkmal deutlich.

Eine „Parteinahme“ für Krebs gegenüber Steinbock ist auch darin zu erkennen, dass es nicht etwa die – recht untätigen – Autoritäten wie Polizei und Justiz  (Steinbock-Entsprechungen) sind, die einen Verdächtigen ergreifen und dann den Täter verfolgen, sondern das „Volk“, die Menschen von der Straße (Krebs-Entsprechungen).
In dieser Gegenüberstellung (und eindeutigen Bevorzugung) von Krebs – dem Volk, dem Gefühl etc. – und Steinbock – den Autoritäten, der klaren Struktur, findet sich Freuds Gegenüberstellung von Es und Über-Ich (Mond und Saturn) wieder.
Als der Film entstand suchte die Psychoanalyse gerade erst ihren Weg ins kollektive Bewusstsein und beschäftigte natürlich die kreativen Gemüter noch weit mehr als den Rest der Gesellschaft. Die Hinwendung zu und Orientierung an inneren Prozessen (Krebs) begann gerade allmählich an Bedeutung zu gewinnen gegenüber der Orientierung an gesellschaftlichen Normen und Autoritäten (Steinbock)...

 

29.8.09
Effektreiche Unschärfe statt effektiv inszenierter Untiefen
Public Enemies (Michael Mann, 2009)

Ohne Zweifel ein guter Film. Wenn ich nicht einen großartigen Michael-Mann-Film erwartet hätte, wäre ich sicher nicht enttäuscht gewesen.
So bleibt für mich aber die Frage, warum das Drängende, Getriebene, das MMs männliche Hauptfiguren sonst immer auszeichnet hier für mich nicht recht deutlich werden wollte.

Der Film ließ mich irgendwie kalt, das Tempo nahm mich nicht mit, die Musik konnte mich nicht recht packen (wenn ich mich an besonders dichte Szenen aus „Collateral“, „Miami Vice“, „Heat“ oder „Manhunter“ erinnere, ist es oft auch die Musik, die diese Dichte schuf...) und irgendwie wurde zuviel ge- oder auch zerredet.
Es fehlte an der sonst für MM so bemerkenswert effektiven saturnischen Reduktion.
Und an gewöhnlicher Hollywood-Romantik sollte er sich anscheinend ohnehin lieber nicht versuchen – die lovestory, obwohl tragisch (worauf ich an sich sehr stark reagiere), berührte mich kaum.
Vielleicht lag es auch an Johnny Depp (dem Zwilling!), der seinem Dillinger so gar keine Seele verleihen mochte... Die Figur blieb ein zwar unterhaltsamer und durchaus sympathischer Typ, aber seine Kühle war keine Fassade, keine Schale, die um irgendeinen Schmerz gewachsen schien, auch war nichts in ihm, das irgendetwas zu bedauern schien – selbst seine emotionalen Reaktionen auf die Verhaftung seiner Geliebten und seine Hilflosigkeit dagegen, änderten an diesem Gefühl nichts. Die Tränen blieben ohne tiefere Bedeutung. Vielleicht ist es das: mir fehlte Tiefe.
Schließlich ist es das, was ich an MMs Filmen (und Figuren) liebe: die Verbindung von unterschwelliger Intensität mit kühl reduzierter Form... In „Public Enemies“ ging der Kontrast verloren, weil jede Seite der Polarität verwässert war.

Außerdem sollte MM wohl bei Männergestalten bleiben, Frauen scheinen ihm nicht so zu liegen. Gong Li war zwar noch recht beeindruckend in „Miami Vice“ und sogar zwei der Polizistinnen haben mir gefallen (allerdings waren die vorwiegend als Cops inszeniert, weniger als Frauen), aber Billy ist nur noch ein recht farbloses, nettes Mädchen aus einem beliebigen Hollywoodfilm...

 

30.5.09
Ein (erträumter) Himmel voller Geigen
Vanilla Sky (Cameron Crowe, 2001)

Wie schon beim ersten Mal als ich diesen Film sah, scheint er mir letztlich “viel Wind” um eine banale Geschichte zu machen.
Eine Aussage wie “man muss sich auch den schlimmen Dingen im Leben stellen statt in Träume zu flüchten” ist außerordentlich banal und eine Binsenweisheit, ebenso der  Satz „jede Handlung hat Konsequenzen, für die man die Verantwortung übernehmen muss“. Letzteres ist zudem auch noch moralisierend...

Eine interessante Idee wäre es immerhin anzunehmen, dass auch der „lucid dream“ nur ein Wahn ist und letztlich nur Davids Selbstmord das Ende ausmacht? Oder besser noch: der Selbstmord wäre ein Weg des Unterbewusstseins, um  aus der Wahn-Episode auszusteigen!

Astrologisch lässt sich jedenfalls sehr deutlich folgendes finden:
Die Hauptfigur David als Schütze-Ac mit Fische-Sonne in 4 – der aktive „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“ (als Snowboarder in Aspen unterwegs, hatte viele Frauen und Freunde,  liebt Unterhaltung,  ist aber auch der Leiter eines Verlagshauses - lauter Schütze-Entsprechungen) und der sensible Träumer, der die wahre,  zutiefst romantische Liebe findet, der in seinem „zweiten“, intimeren Appartement ein Bild von Monet  aufbewahrt, das seiner Mutter gehörte...
„Vanilla Sky“ - das ist der erträumte „Himmel voller Geigen“: einerseits Fische, andererseits auch Schütze.
Auch der Mann, der eine Maske trägt entspricht der Schütze-Qualität, die stets Optimismus, Frühlichkeit, Zuversicht verbreiten möchte...

McCabe, der Psychiater,  ist eine Jupiter-Figur. Der reale, tote Vater und „die sieben Zwerge“ im Firmenvorstand werden als Saturn-Figuren gezeigt und die Firma, die David den „lucid dream“ verkauft entspricht natürlich Neptun.
Die Frauen lassen sich einerseits als eine Kombination aus besitzergreifender, eifersüchtiger Skorpion-Juno (Julie) und mitfühlender, verspielter Krebs-Venus (Sofia)  lesen...
Davids Freund entspricht einem Zwillinge-Mars (ein "Bruder", mit dem der Schütze-Ac in Konkurrenz tritt, daher fände er sich in Haus 7).

Die Konstellationen und Figuren sind klar und deutlich abgrenzbar und jede Figur stellt eine spezielle Aufgabe oder Prüfung für David dar. Am Ende "löst" er die Aufgaben ganz auf Fische-Sonne-Art: er entzieht sich.

 

9.4.09
Wer ist wie Gott?
Antikörper (Christian Alvart, 2005)

Für einen deutschen Film ist das ein erstaunlich intensiver und abgrund-tief drastischer Thriller, gut gefilmt, gut konstruiert, nur manchmal ein wenig holprig in seinem Versuch, amerikanische Thriller-Konventionen mit deutscher Wirklichkeit zusammenzubringen... Natürlich steckt er außerdem voller Zitate aus den bekannten Serienkiller-Hits.

Die Aufgeladenheit mit religiöser Thematik bietet nicht nur das Gerüst, sondern natürlich auch interessante Interpretationsräume an.
Neben dem Killer Gabriel Engel heißt der brave Dorfbulle, der sich mit diesem bedrohlich verstrickt, Michael – beides Namen biblischer Erzengel.

Michael ist jener, der den Christen vor allem als Bezwinger Satans und "Seelenwäger" am Tag des Jüngsten Gerichts gilt. Gabriel wiederum, dessen Name "Mann/Kraft/Held Gottes" bedeutet, wird als Übersetzer von Visionen und als ein Bote Gottes dargestellt. Michael wird übrigens übersetzt mit "Wer ist wie Gott?".
Schon diese Be-Deutungsgrundlagen bieten folgende ausgesprochene interessante Interpretation an: Der Killer als ein mit göttlicher Kraft Ausgestatteter und der scheinbar so Rechtschaffene als einer, der (wie) Gott sein will und das Böse zu bezwingen als seine Aufgabe sieht. Gabriel wäre in diesem Kontext nicht nur als eine Art Prüfung für Michael zu verstehen, sondern vor allem – in seiner Funktion als Bote oder Vermittler göttlicher Vision – als derjenige, der das vollständigere Wissen über Gut und Böse oder auch die Beschaffenheit der Schöpfung besitzt und zu vermitteln sucht...

Es mag nicht sehr wahrscheinlich sein, dass der Regisseur diese Aussage beabsichtigt hat, dazu scheint mir das Ende zu versöhnlich geraten. Obwohl sich auch da durchaus weiterdenken ließe...

 

11.3.09
Schuld und Sühne - Rache und Vergebung
Revanche (Götz Spielmann, 2008)

Dieser Film vollbringt ein wunderbares Kunststück: er nötigt dem Zuschauer Geduld und Ruhe ab und bedankt sich dann beim Verlassen des Kinos mit einem tiefen Gefühl von Frieden...

Die Geschichte ist einfach: Tamara, eine ukrainische Prostituierte und Alex, ein österreichischer Ex-Sträfling und nun Bordell-Rausschmeißer, beide ohne Illusionen aber mit dem Wunsch ihr kleines Liebesglück zu bewahren, wollen gemeinsam Großstadt und Rotlicht den Rücken kehren und zusammen ein neues Leben beginnen. Die Mittel dazu kann Alex’ Ansicht nach nur ein Bankraub bringen, bei dem, wie er seiner nicht mehr an Glück glaubenden und besorgten Geliebten versichert, „nichts passieren kann“.
Auf wenig spektakuläre, sinnlose, aber eben auch alltägliche Weise passiert dann doch etwas, und das bringt eine selten so intensiv gesehene emotionale und psychologische Entwicklung in Gang, in der das Spektrum von Sehnsucht und Verlust, über Rache, Zorn und Schuld bis zu Sühne und tiefer Vergebung reicht...

Selten gibt es deutschsprachige Filme, die ohne Larmoyanz, Sozialromantik oder angeblich coolen Zynismus und bemühte Härte, dann auch noch ruhig und dennoch ohne zu langweilen eine wirklich gehaltvolle Geschichte erzählen und dabei nicht mit bestenfalls TV-tauglichen Bildern nerven.

„Revanche“ ist ein Film, der mitfühlen lässt, ohne den Zuschauer in Emotionen zu ertränken, der Fragen stellen und nachdenken lässt, ohne effekthascherisch nach irgendwelchen zu brechenden Tabus zu schielen oder aber allzu aufdringlich eine banale „Botschaft“ zu transportieren. Die Figuren sind einfach, lebensnah und dabei liebevoll und präzise gezeichnet - sie berühren durch ihre Eigenarten ebenso wie durch die ihnen allen gemeinsamen Gefühle, durch die sie verbunden sind.

Trotz aller Härten entlässt uns „Revanche“ auch mit einem guten, friedlichen Gefühl aus dem Kino, ohne ein „feel-good-movie“ zu sein. Wann ist das zuletzt einem rasiermesserscharf analysierten, menschlichen Drama gelungen?

 

21.9.08
Dystopisches Marienwunder
Babylon A.D. (Mathieu Kassovitz, 2008)

Die erste Hälfte dieser Vorstellung vom Versuch eines neuen Maria-Wunders in einer dystopischen und dabei bedenklich realistischen Zukunft ist mitreißend und vielversprechend: knallharte Action, in Szene gesetzt mittels ungewöhnlicher, sehr realistischer Bilder, individuell gezeichnete, interessante Figuren und ein sehr gelungener Spannungsaufbau.

Vin Diesel spielt, was er schon seit "Pitch Black" verdammt gut spielt: den "tough guy" und Experten fürs Überleben in feindlicher Umgebung, der hier widerwillig und nur um ins "gelobte Land" Amerika zurückkehren und dort ein neues, friedliches Leben beginnen zu können, den Auftrag übernimmt, ein junges Mädchen mit ihrer Beschützerin, einer - wie sich bald herausstellt - kampferprobten Nonne (wie immer sehenswert: Michelle Yeoh), quer durch Sibirien zu begleiten und sie sicher über die Grenze nach New York zu bringen.Das junge Mädchen allerdings steckt (buchstäblich) voller Überraschungen und das Trio wird von verschiedenen Parteien verfolgt, deren Motive und Ziele sich dem Zuschauer selbst zum Ende hin nur so ungefähr erschließen.

Der zweite Teil des Films versucht nicht nur die bereits sattsam bekannten SF-Fragen nach der authentischen Menschlichkeit von Klonen und anderen synthetischen Wesen zu stellen, sondern verquickt diese mit allerlei anderen beliebten Ingredienzien des Genres. Drehbuchschwächen, eine wirre, zerfasernde Dramaturgie und stereotype Szenen mit einfallslosen Dialogen lassen die Zusammenhänge nur vage verständlich werden und das anfängliche Interesse verliert sich schließlich ganz in mancher so kitschigen wie unplausiblen Wendung der Geschichte...
Schade um den wirklich großartigen Start. Ein Trost für Fans bleibt eye candy Vin Diesel.

 

18.8.08
Ansteckend deprimierend und schwer auszuhalten
Downloading Nancy (Johan Renck, 2008)

Diese Geschichte einer unglücklichen Frau, die ihren gleichgültigen und achtlos grausamen Ehemann verlässt, um sich dem engagierten und gefühlvollen Sadismus einer Internetbekanntschaft auszuliefern ist gründlich deprimierend. Was keineswegs einen schlechten Film daraus macht. Johan Renck unternimmt es, eine ausgesprochen deprimierende Geschichte von menschlicher Leere zu erzählen und das gelingt ihm. Nachhaltig gut.

Nun gehe ich nicht unbedingt ins Kino, um mich deprimieren zu lassen – das Ausmaß an seelischer Zerstörtheit, das dieser Film sehr eindringlich zeigt, schaut sich vermutlich kaum ein der Empathie fähiger Mensch wirklich gerne an. Zumal natürlich ganz bestimmte, gewohnte und wenig einfallsreiche – wenn auch durchaus glaubwürdige – Interpretationen zur Genese dieser Zerstörtheit dahinter stecken. Immerhin scheint manchmal doch auch ein Zweifel an dieser so einfachen Interpretation auf – das hätte vielleicht noch vertieft werden können.

In einigen wenigen Momenten hat mich der Film wirklich berührt, ansonsten ist der depressive Grundton der Teilnahms- und Aussichtslosigkeit erschreckend ansteckend... Und das ist vermutlich mein Problem mit dem Film: er bleibt in der dunkelsten Skorpion-Steinbock-Zerstörtheit stecken, ohne den leisesten feurigen Impuls zu bieten – weder kämpferische Widder-, noch neue Wege weisende Schütze-Energie und schon gar nicht kreativen Löwe-Sonnenschein.
Schwer auszuhalten, aber andererseits gerade deshalb auch schon wieder mutig...

Die schauspielerischen Leistungen der drei Hauptpersonen, vor allem Maria Bellos als Nancy, sind grandios – ich hoffe für sie alle, dass sie nicht allzu viel "method acting" investiert haben.

 

21.5.08
Augenschmaus und ein visuelles Erlebnis
Speed Racer (Wachowski Brothers, 2008)

Herrlich knallbunt, unsäglich romantisch – besonders in einem politischen Sinne – und durchaus auch etwas verrückt ist dieser Familienfilm mit simpler, aber sympathisch erzählter David-gegen-Goliath-Story und neuartigen visuellen Effekten ein riesiges, poppig farbenfrohes Vergnügen.
Dabei macht die Farbenpracht ebenso viel Spaß wie die rasanten, Videospielen nachempfundenen Autorennen. Die Geschichte ist schlicht und – tatsächlich: mitunter auch ergreifend, eine Familiengeschichte, in der es um Mut, Loyalität und Eigensinn geht und um den Willen, man selbst zu sein und zu bleiben... Auch und gerade, wenn die kommerzielle große Welt mit Ruhm und Reichtum lockt.
Breit grinsend und glücklich verließ ich den Saal und auch in der Erinnerung ruft dieser Film ein Lächeln hervor: selten wurden Familienzusammenhalt und bunte Bilderexplosion trotz naiv anmutender Romantik so sympathisch und unklebrig inszeniert.

Der Titel und die rasant inszenierten Autorennen könnten dazu verleiten, Speed Racer für einen typischen Widder-Film zu halten. Dennoch ist er mindestens ebenso sehr ein Krebs-Film: ganz sentimental steht die Familie im Mittelpunkt und die Gefühle, die Menschen miteinander verbinden, mal über gemeinsame Interessen und Werte, mal aber auch ganz einfach über die Liebe, die man füreinander empfindet.

 

20.5.08
"It's a fucking fairy tale" - Judgement Day in mittelalterlicher Kulisse
Brügge sehen... und sterben (Martin McDonagh, 2007)

Eine überraschende kleine Filmperle, die eine weiteres Bebilderung für die Zeitqualität des Steinbock-Pluto abgibt: das Thema von Schuld und Sühne steht wie schon in Eastern Promises, No country for old men und Street Kings, teilweise auch in There will be blood im Mittelpunkt – alles Filme, die in den letzten Monaten, seit also Pluto ins Zeichen Steinbock wechselte, in die Kinos kamen.

In Bruges, wie der Film im Original heißt (und allein wegen des irischen Akzents der Hauptfigur und des schneidenden Tonfalls von Ralph Fiennes Figur sollte man den Film im Original sehen!), ist voller Witz, meist tiefschwarzer Färbung. So ganz nebenbei und fast schnoddrig zu nennen, wird von den Moralkonflikten zweier Gangster erzählt, die sich beim unfreiwilligen „Urlaub“ aufgrund der Begegnung mit religiöser Kunst plötzlich mit ethischen Fragen und ihren eigenen Gefühlen beschäftigt sehen.

Colin Farrell als zwischen Schuldgefühlen, Selbstmordgedanken und frisch geweckten Liebeshoffnungen zerrissener und geradezu kindisch launischer Auftragsmörder und Brendan Gleeson als sein müder, altersweiser und touristische Kunst- und Kulturbegeisterung an den Tag legender Kollege geraten vor den surrealen Höllenvorstellungen in Hieronymus Boschs „Jüngstem Gericht“ ins Grübeln über Schuld und Sühne, über Fegefeuer und Höllenstrafe.
Die Konsequenzen der unerwarteten Selbstreflektion rufen Ralph Fiennes auf den Plan, der den Boss der beiden als steiflippigen und seinen gewaltigen Jähzorn mit eruptiver Zwanghaftigkeit kontrollierenden Prinzipienreiter von durchaus mörderischer Strenge gibt.
Den tödlichen Streitigkeiten solch wunderbar gezeichneter und unverwechselbarer Charaktere zuzusehen ist von Anfang an ein Vergnügen, das zunehmend an Fahrt wie auch an Tiefgang gewinnt, bis der blutige Showdown sein gewaltiges dramatisches Gewicht entfaltet und letztlich auf eine unaufdringlich vorgebrachte Botschaft zum Zusammenhang von Schuld und Liebe zum Leben verweist.

Die Resonanz von Motiven mittelalterlicher Kunst und religiöser Vorstellungen findet sich im Film nicht nur in der ungewöhnlichen Wahl des Schauplatzes oder in den Geschichten der einzigartigen Nebenfiguren, sondern auch in der Komposition mancher Bilder, der manchmal träumerisch-surrealen Atmosphäre, die der Regisseur dem Film gibt. Brügge ist ein ungewöhnlicher Schauplatz für eine tragikomische und blutige Gangstergeschichte und dementsprechend ist In Bruges eine außergewöhnliche, kleine Mörderballade geworden. „It’s a fucking fairy tale“ wird die Stadt im Film beschrieben. Das trifft auch auf den Film zu.


 

14.1.08
Gesetze der Gewalt
Eastern Promises (David Cronenberg, 2007)

Kurz bevor Pluto ins Zeichen Steinbock tritt erscheint dieser düstere Film als sehr passende Entsprechung für eine Verbindung der Abgründe von "sex & crime" mit der rigiden Strenge einer knallharten Mafia-Struktur...

Mit Eastern Promises ist Cronenberg nach dem großartigen A History of Violence ein weiterer recht unspektakulärer und doch faszinierender Thriller gelungen. Die schnörkellose und ohne die für seine früheren Filme so typischen kruden oder alptraumhaften Elemente dargestellte Geschichte von organisiertem Verbrechen und ganz unzynisch betrachteter menschlicher Betroffenheit angesichts des verursachten Leidens könnte jeder Tatort erzählen – und würde vermutlich damit langweilen. Wie Cronenberg uns aber diese Geschichte erzählt ist ein kleines Wunder – A History of Violence war ein großes, denn darin überraschte uns der (westliche) Meister des Körper-Horrors auf subtil manipulative Weise mit der Möglichkeit einer facettenreichen und urteilsfreien Sicht auf das vielfältig veränderliche Gesicht der menschlichen Fähigkeit zur Gewalt. Eastern Promises geht nicht ganz so weit – hier sind Urteile möglich, allerdings steht ihr Nutzen von vornherein in Frage.

Cronenberg zeigt uns eine wenig bekannte Welt mit ihren teilweise archaisch anmutenden Regeln und Ritualen und ihrem Kampf ums Überleben. In einer von emotionaler und geistiger Heimatlosigkeit geprägten Zeit sind es solche abgeschlossenen kleinen Welten, die wie Stammes- oder Clan-Gesellschaften, ihren ergebenen Mitgliedern Sicherheit, Schutz und ein ihnen entsprechendes Leben zu versprechen scheinen. Wie trügerisch diese Versprechungen sein können, erzählen uns Gangster- und Mafia-Filme seit Jahrzehnten. Dass aber ihre Rituale mit außergewöhnlicher physischer und psychischer Vereinnahmung der Anwärter einhergehen und verblüffend an altertümliche Krieger-Orden oder Initiationsriten erinnern, wurde uns im Kino selten so eindringlich vor Augen geführt wie in Eastern Promises.

Das ambivalente Gesicht der Gewalt ist wie in A History of Violence auch hier vor allem das Gesicht von Viggo Mortensen. Ohne seine ungeheure Intensität, seine faszinierend starke Verkörperung jeder noch so kleinen Facette des Spektrums von Gewalt und Bedauern, von so düsterer wie präziser Entschlossenheit und zweifelnder Vorsicht, wären beide Filme vielleicht nicht halb so gut.

 

1.11.07
Rotkäppchens Rache
Hard Candy (David Slade, 2005)

Dieser sowohl in inhaltlicher wie auch formaler Hinsicht außergewöhnliche und sehr gelungene Psycho-Thriller ist letztes Jahr im Kino ganz unverdient untergegangen. Was vielleicht mit dem Grad der Verstörung zu tun hat, den er nicht selten gerade bei männlichen Zuschauern (und die sind immer noch die Hauptzielgruppe des Genres) erreicht. Ich habe ihn jetzt noch einmal gesehen und bin von diesem Stück zeitgemäßem Kino – das sei vorausgeschickt – schlicht begeistert.

Ein junges Mädchen flirtet im Internet-Chat mit einem Mann. Sie verabreden sich in einem Cafe, der Flirt wird fortgesetzt – sie ist vierzehn, er ein Mann in den Dreißigern. Doch sie spielt "Frau von Welt" und bringt ihn dazu, sie in seine Wohnung mitzunehmen, sie mixt steife Drinks und will sich von ihm – kokett posierend – fotografieren lassen.

Schon zu Beginn des Films setzt die Irritation ein, die uns bis zum Ende nicht mehr loslassen soll: das Opfer eines "Kinderschänders" stellen wir uns definitiv anders vor als dieses so bestimmend selbstsichere Mädchen. Der Mann, ein Fotograf, dessen Wohnung Bilder junger Mädchen schmücken (was wir zunächst jedoch nur aus zweiter Hand erfahren ohne die Bilder zu sehen zu bekommen), ist offensichtlich bezaubert von Hayley, fällt im von ihr ironisch inszenierten Spiel vor ihr auf die Knie und erinnert uns so für einen Augenblick an Humberts Vergötterung Lolitas in Vladimir Nabokovs berühmtem Psychogramm einer pädophilen Obsession.

Hayleys Offenheit und jugendliche Begeisterungsfähigkeit bezaubern auch uns und würden uns wohl um das Mädchen fürchten lassen – wäre da nicht von Anfang an dieses Gefühl, dass diese Kleine genau weiß, was sie tut. Und schon nach wenigen Minuten sehen wir bestätigt, was wir ahnten und uns doch kaum vorstellen konnten: beim Fotografieren kippt Jeff plötzlich um und wacht an einen Stuhl gefesselt wieder auf. Nun erfahren wir allmählich, dass Hayley Jeff für einen gefährlichen Pädophilen und Mädchenmörder hält und Beweise für seine kriminellen Neigungen sucht bzw. ihn unschädlich machen will.
Die folgenden 80 oder 90 Minuten geraten zum spannenden psychoterroristischen Kammerspiel, zum dramatischen Kampf zweier jenseits gewohnter sozialer Normen empfindender Menschen, bei dem wir oft genug nicht mehr wissen, wer hier eigentlich gefährlicher ist – der offenbar pädophile Mann (von dem wir bis zum Schluss nicht wissen, wie weit seine Neigung tatsächlich geht) oder das minutiös planende, vor Gewalt und Grausamkeit keineswegs zurückschreckende Mädchen.

Im Internet zu lesende Kritiken und Meinungen zu diesem Film lassen erkennen, dass sich viele an der angeblich unglaubwürdigen Zeichnung Hayleys stören. So wird dem Film gerne als unglaubhaft angekreidet, dass er zweimal zeigt, wie diese wenn auch sportliche, so doch zarte Vierzehnjährige einen erwachsenen Mann überwältigt. Dabei erscheint es mir jedoch vollkommen einleuchtend, dass ein von hinten überraschter, aufgrund der Umstände in Panik versetzter und nicht vollständig bewegungsfähiger Mann von einem entschlossenen Mädchen überwältigt werden kann. Allerdings sind die Grundvoraussetzungen dafür die Furchtlosigkeit und die mörderische Gewaltbereitschaft, die Hayley zweifellos mitbringt – und das ist das eigentlich "Unglaubwürdige", das Unheimliche an diesem Mädchen: eine so "unschuldig" aussehende Vierzehnjährige kann und darf einfach nicht so schlau und so gewaltbereit, so entschlossen und raffiniert, so cool und gleichzeitig so "psychopathisch" sein – das rüttelt allzu sehr an den Vorstellungen, die man sich von jungen Mädchen macht, und an den Rollenbildern, die für sie vorgesehen sind. Was den Eindruck erweckt, dass eine solche Figur vielen, die sich da so vehement ungläubig äußern, einfach Angst macht.

Schließlich hat unseren geläufigen Vorstellungen von jungen Mädchen zufolge, Rotkäppchen vor Angst vor dem Wolf zu zittern, nicht etwa furchtlos zum Angriff überzugehen. Manche/r kann und will nicht glauben, dass hier ein junges Mädchen nicht paralysiert ist von der – natürlich sexuellen – Bedrohung, die vom "Wolf" ausgeht, so selbstverständlich erscheint die weibliche Angst vor der männlichen sexuellen Gewalt, sind wir doch alle mit dem Märchen des vom Wolf verschlungenen Rotkäppchens groß geworden. Junge Mädchen, so heißt es, sind den Gefahren, die von sexuell hungrigen Männern ausgehen, weitgehend wehrlos ausgeliefert. Deshalb müssen sie von ihren Vätern, Brüdern, vielleicht noch Müttern, in unserer Kultur heute aber vor allem von der Gesellschaft und ihren Gesetzen beschützt werden. Sie werden wahrgenommen als die Schwachen und Gefährdeten.

Und es sind die Schwachen und Gefährdeten, zarte junge Mädchen, Kinder sozusagen, die unseren tief verwurzelten Vorstellungen zufolge die reine Unschuld verkörpern (wenn nicht sie, was bleibt noch, um an die Existenz von Unschuld zu glauben) – schließlich kann man sie auch nur dann als Opfer sehen. Das in unserer Kultur so wichtige Tabu der Pädophilie basiert auf den vom christlich-humanistischen Weltbild geprägten Vorstellungen von der Schutzwürdigkeit des Schwachen und der enormen Bedeutung von (gerade auch sexueller!) Schuld bzw. Unschuld vor einer allgemeingültig richtenden moralischen Instanz. Wenn auch die Unschuld zum Messer greift, wenn auch junge Mädchen schon sich nicht nur zur Wehr setzen, sondern so weit gehen, sich selbst das Recht zu richten zu nehmen, dann erschüttert das tatsächlich nicht "nur" Geschlechternormen, sondern auch (moralische) Weltbilder.

Von der formalen Perfektion des Films abgesehen, der mit herausragender Bildkomposition und ausgezeichnetem Timing aufwartet, abgesehen auch von der echten schauspielerischen Glanzleistung, die sowohl Patrick Wilson wie auch die junge Ellen Page hier bieten, ist es Hard Candy hoch anzurechnen, dass durch seinen "Moralkeule"-freien Umgang mit einem sonst so gerne zur Hexenjagd geratenden Thema, wie auch durch seine psychologische Wirksamkeit Ambivalenzen ins Bewusstsein gerückt und Vorstellungen herausgefordert werden, was mitunter vielleicht verstörend, unbedingt aber zeitgemäß und innovativ ist. Eine Figur wie Hayley ist neu auf der Leinwand – jenseits des Typus der "Kindfrau" führt sie uns in realistischem Setting ein junges Mädchen vor, das klug, stark, kämpferisch, dabei sehr dominierend und trotz ihres unschuldigen Aussehens von erstaunlicher Befähigung zu Grausamkeit und Tücke ist. Sie lässt sich nichts vormachen, sie weiß, was sie will und sie versteht es glänzend zu manipulieren und die – psychischen – Schwächen ihres Opfers zu entdecken und zu nutzen.


Astrologische Überlegungen:

Die junge Schauspielerin Ellen Page zeigt in dieser Rolle so viel Überzeugungskraft, dass ich neugierig einen Blick in ihr Horoskop warf. Zwar bietet dieses ohne genaue Uhrzeit nur durch die Planetenstände Aufschluss über ihre Filmfigur, doch auch die sprechen bereits für sich: Eine Fische-Sonne weist hier in Richtung des Opfers, das sie – potentiell – sein könnte und entspricht ihrer Identifikation mit allen Opfern ("I am every girl that you ever hurt"). Doch eine Steinbock-Venus und ein Stier-Mars geben ihr genug "weibliche" Dominanz und sture Tatkraft zur Verteidigung dieser zarten Fische-Sonne mit. Und dann ist da noch eine starke Verbindung von Krebs-Lilith mit Skorpion-Pluto: eine kindlich-empathische, grausame Rächerin, die mit starker Verführungs- wie auch Zerstörungskraft eisern ihr Ziel verfolgt.

 

12.10.07
"Russische Seele" in hochfrisierter Seifenoper
Wächter des Tages (Timur Bekmambetov, 2006)

Als ich vor zwei Jahren „Wächter der Nacht“ (Timur  Bekmambetov, 2004) gesehen hatte, konnte ich nur noch darüber staunen, was die „intellektuelle“ Filmkritik hierzulande zu feiern bereit war, wenn es nur nicht aus Hollywood kam. Dabei ließ schon der erste Teil dieser Seifenoper im actiongefärbten Fantasy-Kleid deutlich die erzkonservative und moralisierende Haltung erkennen, die sich hinter dem mittels modernster Effekte und scheinbar cooler Protagonisten produzierten aktuellen Schick verbirgt.

Die zugrundeliegende Geschichte ist so schnell erzählt wie sie banal ist: Ein junger Mann versucht mithilfe einer Hexe seiner schwangeren Ex-Frau per Fluch eine Fehlgeburt zu bereiten und macht sich somit also einer – ganz nach christlich-humanistischem Weltbild – bösen Tat schuldig, die dazu führt, dass sein dennoch geborener Sohn dem Bösen anheim fällt (was die Schuld des widerwilligen Vaters natürlich noch vergrößert) und schließlich beider Welt in Chaos und Zerstörung untergeht. Das Böse hat dabei das Gesicht des neuen (natürlich korrupten) russischen Geldadels, das Gute findet sich in den sogenannten einfachen Leuten (Handwerker, Arbeiter etc.) und „wohnt“ in der staatlichen Stromversorgungsanstalt. Eine weitere Gestalt, eine junge Frau, hat – noch im ersten Teil – zur selben Zeit wie der junge Mann eine Entscheidung zwischen Gut und Böse zu fällen: sie aber widersteht dem Bösen, das in ihrem Fall darin bestünde, das Wohl ihrer alten Mutter dem eigenen - wieder nach christlich-humanistischem Weltbild - illegitimen egoistischen Bedürfnis nach Freiheit und Selbständigkeit zu opfern.

Diese beiden Protagonisten haben nun im zweiten Teil gemeinsam eine Prüfung zu bestehen – wobei die moralische Überlegenheit der Frau (die ja ihre Prüfung im ersten Teil durch Aufopferung bestanden hat) sich in größeren magischen Fähigkeiten manifestiert. Ihre Liebe zueinander steht unter dem schlechten Stern der Schuld des Vaters gegenüber seinem Sohn. Am Ende, als Chaos und Zerstörung die Welt in Schutt und Asche legen, zerren der Sohn und die engelsgleiche, eigentlich ja selbstlose, doch in dem Moment gerade verletzte und verängstigte Frau an dem schuldbeladenen Anton, der nun aber Gelegenheit bekommt, seinen schicksalhaften Fehler – den Pakt mit der Hexe – rückgängig zu machen. Und rückwirkend wird alles gut: der junge Mann verlässt die Hexe mit den Worten, er werde eine „menschliche Lösung“ finden, und er begegnet der engelhaften Blondine harmlos im Park. Die Welt bleibt verschont von Kampf und Unglück, weil sich alle moralisch korrekt verhalten...

Abgesehen von dieser einfältigen Weltsicht und der überdeutlichen, konservativ christlich-humanistischen Moral, die so glasklar und eindeutig zwischen gut und böse zu unterscheiden weiß, abgesehen von der Hymne an reine Unschuld, traditionelle Familienwerte und wahre Liebe gibt es rasante Schnitte, außergewöhnliche Verfolgungsjagden, blutige Spezialeffekte und ein paar coole Sprüche. All das mutet an wie die Sonntagspredigt eines Pfarrers, der mit der Zeit gehen will und – um auch die Jugend wieder zu den wahren Werten zu bekehren – seinen Sermon mit Gangsta-Attitüde und Lasershow aufpeppt.  Zugegeben: die Macher der „Wächter“-Filme sind Profis und sie machen ihre Sache – im Unterschied zu den meisten wohlmeinenden Pfarrern – ordentlich. So ordentlich, dass viele – und darunter offenbar etliche Kritiker – sich von dem Aufgebot an Effekten, interessanten Bildern, pseudo-philosophischen Diskursen und nur scheinbar tiefgründigen Symbolismen blenden ließen und die seichte, moralisch-konservative Botschaft glatt übersahen.

 

29.6.07
John McClane – Nicht totzukriegender sympathischer Anachronist
Die Hard 4.0 (2007) von Len Wiseman

Ob als so besorgter wie eifersüchtiger Vater im Streit mit seiner Tochter, ob unter den Fußtritten einer hübschen und gefährlichen Frau, oder wenn er blutend und verletzt vor Schadenfreude kichert, nachdem es ihm mit einem verrückten Stunt gelungen ist, noch ein paar seiner Gegner auszuschalten – John McClane alias Bruce Willis ist auch nach zwanzig Jahren als entschlossener und nicht totzukriegender Action-Held immer noch in jeder Lebenslage unglaublich sexy.

Der vierte Film um den populärsten hemdsärmeligen und dabei so selbstironischen Kämpfer gegen High Tech-Terrorismus, den die Filmgeschichte hervorgebracht hat, erfüllt alle Erwartungen nach schnelleren und effektvolleren Stunts, existentielleren und umfassenderen Bedrohungen und den vom Helden wie immer sehr körperbetont und im Alleingang zu bestehenden tödlichen Gefahren. Dass dabei Willis’ unwiderstehlich schiefes Grinsen, sein vor Müdigkeit übers „Held sein müssen“ gequälter Blick wie auch sein selbstironischer Machismo neben all der Action das größte Vergnügen bereiten, bedarf kaum einer weiteren Erwähnung. Die (Film-)Presse ist voll davon.

In beinahe jeder Kritik zu „Die Hard 4“ kann man auch lesen, dass John McClane diesmal einer Frau mit der Faust ins Gesicht schlägt, aber seltsamerweise schreibt niemand darüber, dass er zuvor von eben dieser Frau die heftigsten Prügel seiner „Die Hard“-Karriere bezieht, denn sie ist ihm kampftechnisch deutlich überlegen – viel zu langsam und schwerfällig in seinen Reaktionen, ist McClane den blitzschnellen Tritten und Schlägen der asiatischen Kampfkünstlerin minutenlang hilflos ausgeliefert.

Die spaßige, ehetherapeutische Action-Komödie „Mr. und Mrs. Smith“ machte es vor einiger Zeit bereits vor: harte, ebenbürtige Kämpfe zwischen männlichen und weiblichen Protagonisten werden in der Bilderproduktionsmaschine Kino zunehmend denkbarer und „dreckiger“. Dafür müssen die Frauen inzwischen auch nicht mehr als unerotische Mannweiber dargestellt werden (wie z.B. die Kickboxerin Cynthia Rothrock in den Martial Arts-Filmen der achtziger und frühen neunziger Jahre), sondern können sogar ausgesprochen sexy (im konventionellen Sinne) sein.

Überhaupt hat dieser „Die Hard“ so manchem Action-Film voraus, dass er nicht nur schlagkräftige, sondern auch sehr furchtlose und aggressiv denkende Frauen zeigt (ohne dass diese die Heldinnen des Films wären) – so zum Beispiel in einer Szene, in der die von den Verbrechern gefangen genommene Tochter den Vater am Telefon nicht etwa schluchzend und verängstigt um Rettung anfleht, sondern ihn cool und vernünftig kalkulierend über die Anzahl verbliebener Schurken informiert. Oder sie sorgt beim Showdown dafür, dass der abgekämpfte und schwer verletzte Daddy zum Schuss kommt.

Vergleicht man diese Darstellungen beispielsweise mit den langweilig klischeehaft gezeichneten Frauenfiguren im anderen großen Action-Blockbuster jüngster Zeit, „Casino Royale“, so bleibt nur festzustellen, dass es glücklicherweise doch auch im Mainstream-Hollywoodfilm inzwischen immer mehr Filmemacher gibt, an denen all die Gender-Diskussionen der letzten Jahrzehnte nicht spurlos vorüber gegangen sind.

 


30.4.07
Der Fluch der toten Blume – mumifizierte Farbenpracht 
Der Fluch der goldenen Blume (Zhang Yimou, 2007)

Seit dem uninspirierten und streng nach Film-Grundkurs-Handbuch inszenierten Da Vinci Code (und davor dem unverständlicherweise so hoch gelobten, dabei aber ebenso einfallslosen und noch dazu erzkonservativen Wächter der Nacht) habe ich mich nicht mehr so in meinem Kinosessel gewunden vor Ärger über die Zumutungen “Botschaften” transportierender Regisseure.

Der in diesem Fall von mancher Kritik bemühte Vergleich des Fluchs der goldenen Blume mit der dramatischen Wucht Shakespeares ist lächerlich und lässt nur den Schluss zu, dass die jeweiligen KritikerInnen Shakespeares Werk entweder nicht wirklich kennen oder seine Besonderheit schlicht nicht verstanden haben: Wo es Shakespeare stets um zeitlose, allgemein menschliche Gefühle geht, die so poetisch wie volkstümlich verständlich zu machen ihm so meisterlich gelang, dass er geradezu als Mythograph neuzeitlich europäisch-abendländischer Kultur gelten kann, werden von Zhang Yimou Emotionen nur behauptet, Emotionen noch dazu, deren Motivation ausschließlich unter ganz spezifischen kulturellen Bedingungen überhaupt verstehbar werden kann.

Alles in diesem Film wird nur behauptet, wenn auch in übergroßem XXL-Stil: die Gefühle der Protagonisten, ihre Beziehungen untereinander, die Handlungsmotive. Nichts davon hat einen organischen Zusammenhang, nichts davon wird tatsächlich erzählt.
Zwar wird ausgiebig getobt und geweint, schwer geatmet und bedeutungsvoll geschaut, viel geschrieen und gekämpft, aber keine dieser Emotionen wird auch nur annähernd verständlich, jeder dieser “Gefühlsausbrüche” erscheint unmotiviert oder vollkommen übertrieben – doch es sind auch gar keine Ausbrüche im eigentlichen Sinne, denn der emotional exaltierte, geradezu latent hysterische Zustand ist für beinahe alle Protagonisten ein Dauerzustand; da werden uns die Emotionen wie Masken permanent entweder von den Figuren selbst oder von der nervtötend bombastischen, alles was vielleicht noch lebendig sein könnte an dem Film unter sich begrabenden Musik ins Gesicht gebrüllt.

Der Fluch der goldenen Blume funktioniert höchstens als visuell beeindruckendes Gemälde in Bewegung, doch auch als solches bleibt der Film hohl und leer – bis auf seine vermutlich intendierte allegorische Darstellung zeitgenössischer chinesischer Politik und Geschichte.
Aber bringt einen die letztlich so banale Aussage über den Ge- und Missbrauch von Macht, über Tyrannei und scheiternde Befreiungsversuche in dieser schematischen Form nicht inzwischen einfach nur zum Gähnen? Zu diesem Thema gab es auch in den letzten Jahren sehr viel fesselndere, ehrlichere und berührendere Filme (z.B. V for Vendetta – ein zwar als unterhaltsame Comic-Verfilmung daherkommender, aber ungleich tiefgründigerer Film über die Mechanismen von Despotismus und Machtmissbrauch, der auch vor Ambivalenzen nicht zurückscheut).

Astrologische Überlegungen:

Der Film bietet immerhin sehr deutliche Bilder für die aktuelle Saturn-Neptun-Opposition: der König gibt den Löwe-Saturn als pompösen, autokratischen Machthaber, der immer wieder über die Bedeutung von Regeln und Gesetzen schwadroniert, die Königin ist als hypersensible, gelegentlich rebellierende Kranke, immer wieder irrational agierendes, zu Tränen neigendes Nervenbündel und schließlich als Opfer ihres eigenen verunglückten Versuchs zur Entmachtung des Autokraten ein sehr treffendes Bild des Wassermann-Neptun.

Der Kämpfer-Sohn ist natürlich eine Mars-Entsprechung – er misst sich gleich zu Beginn mit Saturn und wird von diesem diszipliniert. Als Fische-Mars wird er beherrscht von Neptun, das macht die Beziehung zwischen Mutter und Sohn deutlich.
Die für tot erklärte erste Frau des Königs steht für  Pluto: sie deckt das tödliche Geheimnis der Vergiftung auf, sie ist “die Leiche im Keller” des Königs und ihre Geheimhaltung ist der Grund für den Bruch des Inzest-Tabus.

Astrologisch gelesen wird auch verständlich, warum der Film nicht funktioniert: es gibt keine Sonne, keinen Mond und damit keine persönliche Geschichte – die Figuren sind Schemata, emblematische Bilder abstrakter Prinzipien.

 

24.4.07
Spartas Selbstmordkommando –
Heroen, Krieger und jede Menge „eye candy“
300 (2007) von Zach Snyder

Ein echter Widder-Film, Krieger- und Heldentum in reiner Form. Was selbst Filme wie Troja oder Last Samurai nur unter dem Deckmantel moralischer Legitimation oder individueller Geschichte zu feiern wagen, steht hier unverkleidet, mit allem Grauen aber auch aller Schönheit im Mittelpunkt: heroisches Kriegertum – ein Leben inmitten von und für Schlachten, Gewalt und Mord. Dieser Film zeigt auch die Lust am Kampf, die Lust gar am effizienten Töten, die Menschen empfinden können, die von klein auf daran gewöhnt und nur dafür ausgebildet wurden, denen Härte und eiserne Disziplin zur Natur wurden.
Mars-, Pluto- und Saturn-Energien sehen wir hier, auch Uranus spielt eine Rolle, geht es doch um Freiheit und den Widerwillen gegen das Beherrscht werden, gegen jeden Gedanken an Unterwerfung.

Angesichts dessen, was manche KritikerInnen über diesen Film schreiben, frage ich mich wo sie eigentlich hingeschaut haben... So schreibt manche/r von der Glorifizierung von Gewalt und Patriotismus und dass die Spartaner für ihre Überzeugung sterben – aber welche Überzeugung? Der Kampf in den König Leonidas mit seinen wohlgestalteten und nur sparsam bekleideten 300 Männern zieht, wird nur geführt, weil Unterwerfung von ihnen verlangt wird, weil ihr Stolz und ihr Wille zur Selbstbestimmung ihnen diese verbieten. Darüber hinaus geht es weder um wertgebundene Überzeugungen noch irgendwelche politischen oder moralischen Ziele. Die großen Worte müssen nur bemüht werden, um die weniger kämpferischen, zuhause gebliebenen Senatoren zu überzeugen, die Krieger führen Krieg, weil dies ihr Beruf wie ihre Berufung ist. Von klein auf dazu erzogen und darauf trainiert effizient zu töten, ist es das, was sie definiert, natürlich wollen sie ihre Fähigkeiten auch nutzen...

So wird im Übrigen auch deutlich, wie absurd die politisierenden Lesarten sind, die das Film-Sparta mit den heutigen USA gleichzusetzen versuchen. Mindestens ebenso schlüssig ließe sich die persische Großmacht unter Xerxes mit ihrer imperialistischen Politik als Bild amerikanischen (Kultur-)Imperialismus lesen: beschrieben als korrumpierende Macht und degenerierte Überflussgesellschaft, in der gerade auch sexuelle “Perversionen” zuhause sind, finden sich in diesem Bild alle Eigenschaften, die den USA (nicht nur) von der islamischen Welt – und insbesondere jenen, die sich selbst als “Freiheitskämpfer” verstehen – zugeschrieben werden. Und sieht König Leonidas, der Anführer des Selbstmordkommandos (!) – mit seinem Bart nicht fast ein bisschen wie Osama Bin Laden aus?

Mir erscheint es bei Zach Snyders Krieger-Epos so unsinnig wie überflüssig irgendwelche politischen Zuordnungen und Interpretationen zu bemühen, denn das Schöne an diesem Film ist: sie sind schlicht eine Frage der Perspektive.
Vielmehr veranschaulicht 300 das Prinzip des Kriegführens: der Gegner wird zum hässlichen, monströsen Feind gemacht, zum Antagonisten, der alle im eigenen Inneren unerwünschten Eigenschaften auf sich vereint,  so wird das für den Kampf notwendige heroische Selbstbild geschaffen, die eigene Kampfkraft und Zuversicht gestärkt, aber auch die Bereitschaft für den Erhalt dieser Selbstdefinition zu sterben.

Bemerkenswert, wenn auch nur ein Randthema, ist übrigens das dargestellte Geschlechterverhältnis in 300: Die Königin, einzige relevante Frauenfigur im Film, zeigt ein Maß an Entschlossenheit, Macht und Autorität, das selten ist in einer Figur, die gleichzeitig die traditionellen Funktionen von Mutter und Ehefrau erfüllt.
Besonders zu Beginn des Films wird die gebieterische Position dieser Frau deutlich, so wartet König Leonidas nicht nur auf die Zustimmung seiner Königin – die er „Mylady“, also „Herrin“, nennt – bevor er die persischen Gesandten tötet, er sucht auch ihren mit Autorität und Bestimmtheit vorgebrachten Rat. Das Verhältnis ist ein partnerschaftliches und freilassendes, die Bindung unterstützt Stärke und Selbstbestimmung, wie besonders darin deutlich wird, dass die Königin Leonidas dazu ermutigt, über sein Handeln weder als König noch als Gatte, sondern als freier Mann zu entscheiden. 

Auch in anderer Hinsicht erfährt das Bild des hypermaskulinen Kriegers in 300 eine Erneuerung, flirten diese doch sogar beim gemeinsamen Leichen auftürmen und mitten in der Schlacht miteinander...

 

21.1.07
Unsterblichkeit suchen, Hingabe finden –
Liebe und Tod als die eine Kraft des unendlichen Raumes
The Fountain (2007) von Darren Aronofsky

FilmkritikerInnen mit Gefühlsallergie bezeichneten das poetische– und hier ist dieses so inflationär für lächerlich naive (Die fabelhafte Welt der Amelie) oder einfach nur kindlich verspielte Filme verwendete Attribut wirklich verdient – Kinoereignis um Hingabe, Liebe und Tod als esoterischen Kitsch, doch wer nicht davor zurückschreckt, an die eigene Sehnsucht nach spiritueller Verbundenheit oder an die Angst vor Verlust, Sterblichkeit und Tod erinnert zu werden, könnte diesen wunderbaren Film lieben.
Denn was uns in dieser Geschichte einer Liebe über verschiedene Zeiten und Inkarnationen hinweg erzählt wird, geht weit über das Drama einer Sterbenden und ihres verzweifelten Geliebten hinaus, indem es Leben und Sterben in den untrennbaren Zusammenhang stellt, der allem was ist innewohnt, und es öffnet den Blick wie auch das Herz – sofern man es wagt, sich berühren zu lassen – für die Größe und Ganzheit allen Seins.
Dabei bieten die faszinierenden filigranen Bilder, mittels derer Aronofsky dieser Ganzheit nachspürt, starke Symbole für die ewigen, in allem Seienden wirkenden widerstreitenden Kräfte von Autonomiestreben und Ganzheitssehnsucht (astrologisch zu verstehen als der Weg von Widder zu Fische), die im menschlichen Bewusstsein ihren Anfang nehmen und dort auch am deutlichsten fassbar sind.

In Gestalt der von der Inquisition bedrohten spanischen Königin, als krebskranke Schriftstellerin und in der Inkarnation eines lebensspendenden, durchs All reisenden Baumes wird uns das weiblich gedachte Wissen vom Tod als Schöpfungsakt präsentiert.
Dieses Wissen befreit von der Angst vor dem Tod, der sich die zweite Figur ausgesetzt sieht: der Konquistador – und Krieger –, der aus Liebe zu seiner Königin aufbricht, den geheimnisvollen Baum des Lebens zu suchen; der Forscher und Arzt, dessen verzweifelte Suche nach Heilung für seine todgeweihte Frau ihn versäumen lässt, die verbleibende Zeit mit ihr der Liebe zu widmen und schließlich der Suchende, der seine Reise durchs All nur überlebt, indem er vom Baum des Lebens zehrt und diesen damit tötet bevor das Ziel – die Unsterblichkeit – erreicht ist.

Die drei Inkarnationen der männlichen Figur repräsentieren den kämpferischen, prometheischen Geist menschlicher Autonomie, der das Leben kontrollieren will – nicht aus Machtbedürfnis, sondern aus Angst vor Verlust, aus Angst vor der Veränderung, aus mangelnder Hingabe an den ewigen Kreislauf des Lebens. Astrologisch entspricht dies einer Gegenüberstellung von Uranus und Neptun – ein Thema, das seit einiger Zeit durch die Uranus-Neptun-Rezeption (beide Planeten im Zeichen des jeweils anderen: Uranus in Fische, Neptun in Wassermann) besonders aktuell ist.
Alle drei Ebenen der Erzählung führen in verschiedener Form vor, wie die „weibliche“ – oder neptunische – Weisheit den „männlichen“ – oder uranischen – Geist zu ihrer Durchsetzung benötigt.
(Und so sehen wir Hugh Jackman wieder einmal als widerstrebenden Erfüllungsgehilfen „weiblicher“ Macht. Wo es in X-Men 3 noch der Zorn über die Entfremdung von der Macht des eigenen Wesens war, ist es in diesem ganz anders gearteten Film die Weisheit vom ewigen Zyklus des „Werdens und Vergehens“, die tiefe Hingabe an das „stirb und werde“, der Jackmans Figur in der geliebten Frau begegnet.)

Aronofskys bezaubernde Bilder und seine zu Herzen gehende Geschichte erzählen von der Hingabe an das Leben. Und davon wie sehr Hingabe an das Leben auch Hingabe an den Tod, Hingabe auch an Schmerz und Verlust und Trauer bedeutet: All das ist Teil des Lebens, all das will und muss gelebt werden, alles hat seine Zeit – das ist es, was der Mann in den drei Geschichten von der Frau lernen kann: nicht vor den dunkleren, schmerzvolleren Seiten des Lebens in Aktionismus und Verweigerung, Kontrollstreben und Widerstand zu fliehen, sondern sich dem lebendigen Fluss der Kräfte hinzugeben.
Ob das für das Geschlechterverhältnis unserer Zeit gilt sei hier dahingestellt. Sicherlich aber gilt es für die symbolische Ordnung von männlich verstandenem kontrollierendem Geist – in der Tradition der Aufklärung und des technokratischen Verstandes – und weiblich konnotierter Verbindung mit Intuition, Natur, Spiritualität, zyklischem und magischem Denken.

 

20.12.06
Räuber-und-Gendarm-Spiel von mythischer Wucht
Martin Scorseses The Departed (2006)

Widder- und Waage-Kräfte stehen in Martin Scorseses neuestem Meisterstück „The Departed“ als zwei sehr unterschiedliche und doch einander spiegelnde junge Männer im Mittelpunkt.

Noch nie war Leonardo DiCaprio so wenig hübsch und dafür so extrem wütend auf der Leinwand zu sehen – der Mann mit dem Waage-Aszendenten und einer Sonne/Venus-Konjunktion zeigt hier ein sehr nach Widder (und Skorpion) aussehendes Gesicht: explosiv und von heftiger Emotionalität. Nicht weiter verwunderlich: die Sonne/Venus-Konjunktion findet sich im Zeichen Skorpion mit Mars an ihrer Seite. Wir wissen: vor der Entdeckung Plutos herrschte Mars nicht nur über Widder, sondern auch über Skorpion...

DiCaprios filmisches Gegenstück ist ein glatter, diplomatisch fragile Beziehungsgebäude balancierender Matt Damon – selbst unter einer Waage-Sonne geboren und mit einem Wassermann-Aszendenten (und Steinbock-Mond in 12!) denkbar ungefährdet davon, irgendwelche Gefühle sichtbar werden zu lassen.

Mit einem großartig sardonischen Jack Nicholson, der mit der ihm eigenen sinnlich-körperlichen Präsenz wie so oft seine Figur stets am Rande eines theatralisch inszenierten, nicht näher bestimmbaren Wahnsinns entlang führt (in seinem Radix finden sich ein Löwe-Aszendent in Konjunktion mit Pluto und eine Sonne/Uranus-Konjunktion in Stier im Quadrat dazu), wird das Zusammentreffen von Widder und Waage unter plutonische Herrschaft gestellt.

Und zu sehen bekommen wir einen der besten Polizei-Filme der letzten Jahre: Bilder von mythischem Gewicht und realistischer Härte.

 

© Copyright 2007/2008 Vesna Ivković



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