MohnblütenVesna Ivkovic

Wandlungszeiten

"Parting is all we know of heaven and all we need of hell."
Emily Dickinson

 

(Der folgende Text ist in leicht veränderter Form im Astro-Kalender 2006 erschienen)


Schwerfällige Transformationen:
Das achte Haus mit Stier an der Spitze

Kaum ein anderes Zeichen sperrt sich so massiv und stur gegen das plutonische "stirb und werde", gegen die Transformationsprozesse, die uns im achten Haus abverlangt werden, wie der Sicherheit, Wohlgefühl und Bewährtes an erste Stelle setzende Stier – ist er doch das dem Skorpion gegenüber liegende Zeichen und ergänzt dessen Herrscher Pluto mit Venus als Zeichenherrscherin zu einem archetypischen Paar, das als „die Schöne und das Biest“ in vielfältiger Form unsere Vorstellungswelt bewohnt.

Die Schwerfälligkeit und den Unwillen des Stiers, wenn es um Auf- oder gar Zusammenbrüche geht, kenne ich gut. Ich kann schlecht loslassen – jedes Mal, wenn in meinem Leben Veränderungen oder Abschiede (und verändern heißt immer auch Abschied nehmen) anstehen, spüre ich das. Mit regungsloser Beharrlichkeit (oder auch Sturheit) und unnachgiebigem Griff versuche ich das festzuhalten, was mir bewahrenswert erscheint, was ich – manchmal auch aus Gewöhnung – liebgewonnen habe.
Aber ich kann auch die krisenhaften Prozesse und Transformationen "aussitzen", durchstehen – Beharrlichkeit und Standfestigkeit helfen mir dabei ebenso wie eine sinnliche Verbundenheit mit der Erde.


Als Saturn durchs achte Haus lief...

In einer Zeit, als Saturn mein achtes Haus durchlief wurde diese Standfestigkeit einer schweren Prüfung unterzogen: Krankheit, Trennung,  Studienabbruch, völlige Desorientierung über meinen Platz in der Welt – es kam alles zusammen.

Mancherlei Krisen und eines völligen Zusammenbruchs hat es bedurft, damit ich lernte, was diese andere Seite von Stier im Bereich der Grenzerfahrungen, der Abschieds- und Transformationsprozesse bedeuten kann: das Leben geht weiter, die Erde ist immer da und trägt. Darauf kann ich mich nun besinnen, wenn alles um mich her zusammenbricht – ich atme ein, ich atme aus, ich bleibe, verharre und nehme meine Verwurzelung hier in dieser Erde wahr, ich rieche an Blumen und finde Sicherheit und Stärke in einem Baum, ich tanze und spüre das Leben in meinem Körper, im Rhythmus, den meine Füße in den Boden trommeln.


Die Erde bleibt und trägt

So wird jede Transformation, jede Veränderung, jede Krise gleich-gültig: alle Formen, die das Leben annehmen kann, haben – wenn sie vom Stier, dem Zeichen der lebendigen Materie und des sicheren Seins her betrachtet werden – ihren Wert.

Dieses tiefe Wissen, das ich meinen Schmerzen und Grenzerfahrungen, den Begegnungen mit Macht und Ohnmacht, dem Abstieg in meine persönliche Unterwelt verdanke, ist der Schatz, den ich in meinem achten Haus finden konnte; es ist mein größter Reichtum und schlägt so die Brücke zu meinem zweiten Haus, an dessen Spitze das Zeichen Skorpion für meine Fähigkeit sorgt, vor seelischen Abgründen, Leid, Schmerz und auch gewaltsamer Grenzüberschreitung nicht so leicht zurückzuschrecken.

Während mir also Skorpion an der Spitze zum zweiten Haus sagt: "Das einzig Sichere ist die Vergänglichkeit", weist mich die Stier-Energie im achten Haus immer darauf hin: "Es wachsen Blumen und Früchte aus dieser Erde. Das Essen schmeckt gut. Das Leben geht weiter."

Und wie uns all die Geschichten über "die Schöne und das Biest" erzählen: die "Schöne" begegnet der "Bestie" mit dem unerschütterlichen Wissen um das Wertvolle, das sich in der bedrohlich erscheinenden Fratze zeigt – sie erkennt ihre Bedeutung, ihre Existenzberechtigung an und öffnet damit das Tor zu einer neuen Ebene des Seins...

 

© Copyright 2006 Vesna Ivković



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